Der Leuchtende Lurch
Tief im Herzen des Waldes, wo die Bäume hoch und alt waren und ihre Äste sich wie riesige Arme in den Himmel reckten, lebte Glim, der kleine Lurch mit einem ganz besonderen Glanz. Jeden Abend, wenn die Sonne unterging und die Nacht den Wald übernahm, begann Glims Haut sanft zu leuchten - wie ein winziger Stern, der im Dunkeln strahlte. Alle Tiere im Wald liebten ihn dafür, denn wenn die Nacht so schwarz war, dass man kaum noch die eigenen Pfoten sah, dann war es Glim, der ihnen den Weg erleuchtete.
Doch an diesem Abend war alles anders. Der Himmel zog sich zu und dicke Wolken verschleierten den Mond, sodass der ganze Wald in völliger Dunkelheit versank. Es war der Abend des großen Festes am See. Alle Tiere waren aufgeregt, doch jetzt fürchteten sie, den Weg nicht zu finden. Sie blickten sich ängstlich um, aber alles war schwarz - nichts war mehr zu sehen.
Da trat Glim mutig aus dem Schatten der Bäume. Mit einem Lächeln auf den Lippen kletterte er auf einen großen Felsen, der mitten auf der Lichtung stand. "Keine Sorge!", rief er fröhlich. "Folgt mir, ich bringe euch sicher zum Fest!" Und im selben Moment begann unter seinen Füßen ein leuchtender Pfad zu erscheinen, der durch die Dunkelheit führte. Glim sprang fröhlich los. Die Tiere folgten ihm sofort. Der kleine Lurch, so hell wie ein Stern, führte sie durch die Nacht. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum See, wo das große Fest schon auf alle wartete.
Glim hüpfte voran und sein warmes Leuchten tanzte auf den Blättern, die der Wind sanft rascheln ließ. Der leuchtende Pfad schlängelte sich zwischen Farnen und moosigen Steinen hindurch. Je weiter sie gingen, desto mutiger fühlten sich die Tiere. Die Dunkelheit war zwar noch da, doch Glims Licht nahm ihr den Schrecken.
"Wie gut, dass wir dich haben, Glim", murmelte der kleine Igel Pikko, der sich dicht an seinen Freund hielt.
"Oh ja! Ohne dich würden wir heute wohl im Kreis laufen", quiekte Marlene, die Maus, die kaum mit ihren winzigen Beinchen hinterherkam.
Glim grinste und hüpfte ein Stück höher, damit alle ihn gut sehen konnten. "Wir schaffen das zusammen", sagte er. "Bald hören wir bestimmt schon die Musik vom See!"
Gerade als die Tiere erleichtert aufatmeten, bebte plötzlich der Waldboden. Ein tiefes, dumpfes Knurren drang aus der Ferne - so tief, dass es in den Brustkörben vibrierte. Die Tiere hielten erschrocken inne. "W-was war das?", stotterte die Maus, deren Ohren wie zwei gespannte Bögen in die Höhe ragten.
Glim blieb stehen. Sein Licht flackerte kurz, doch er atmete tief ein. Schon leuchtete er wieder genauso hell wie zuvor. "Keine Angst", sagte er ruhig. "Vielleicht ist es nur der Wind... oder der alte Baumstumpf, der wieder knackt." Doch dann hörten sie es wieder. Ein Knurren - und diesmal gefolgt von einem leisen, klagenden Wimmern. "Das klingt gar nicht gefährlich", meinte Marlene plötzlich. "Das klingt... traurig."
Glim spitzte die Ohren und ging vorsichtig in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Der Pfad vor ihm wurde heller, als wolle er sich selbst Mut machen. "Kommt, wir sehen nach", sagte Glim entschlossen zu den Tieren. "Vielleicht braucht jemand Hilfe."
Langsam, Schritt für Schritt, folgten ihm die Tiere. Ein Gefühl breitete sich in ihren Herzen aus: Neugier, ein kleines Bisschen Angst, aber vor allem das Vertrauen in den kleinen Lurch, dessen Licht niemanden im Stich ließ. Hinter einem großen Wurzelbogen entdeckten sie schließlich etwas im Dunkeln ... etwas Großes, Zotteliges, das sich kaum bewegte.
Glim trat einen Schritt näher. "Hallo?", fragte er vorsichtig. "Brauchst du Hilfe?" Die Tiere hielten den Atem an.
Und das große Wesen im Schatten schien langsam den Kopf zu heben.
Und plötzlich bemerkte Glim etwas Lustiges: Das große, zottelige "Wesen" war gar kein Tier! Es war nur ein riesiger Busch, der Hin und Her wackelte.
"Hallo, ist das wer?", rief Glim noch einmal.
Da raschelte es heftig - und aus dem Busch lugte ein kleines Näschen hervor. Es war der Hase Huki, der sich im dichten Gestrüpp verheddert hatte!
"Oh weh", quiekte der Hase, "ich wollte hübsche Blumen fürs Fest pflücken ... und jetzt stecke ich hier fest!"
Glim lachte freundlich. "Keine Sorge, wir helfen dir da raus!"
Die Tiere rückten zusammen, packten vorsichtig an den Zweigen und zogen - rupf, ratsch, schwupp! - da war der Hase frei.
"Danke!", rief er erleichtert und schüttelte ein paar Blätter aus seinem Fell. "Und schaut mal! Ich habe trotzdem ein paar Blumen fürs Fest gefunden. Ach und falls ihr euch erschrocken habt, was hier so poltert, das Fest wird gerade aufgebaut und das macht ganz schön krach!"
Beruhigt machten sich alle Tiere wieder auf den Weg. Glim hüpfte fröhlich voran, bis man in der Ferne die ersten Töne hörte: Musik! Lachen! Plätschern vom See!
Als sie ankamen, leuchtete das ganze Ufer im warmen Schein von Lampions und Glühwürmchen. Alle Tiere jubelten, als sie Glim sahen.
"Da seid ihr ja!", rief der Biber. "Wir haben schon auf euch gewartet!"
Der Hase stellte stolz seine Blumen auf den Festtisch, Marlene bekam ein Stück Beerenkuchen, und Pikko der Igel tanzte mit wackeligen Beinchen im Kreis.
Und mitten in all dem fröhlichen Trubel saß Glim - klein, glühend und glücklich.
Er hatte seine Freunde sicher durch die Dunkelheit geführt. Und das Fest wurde wunderschön.