Der schlafende Windkönig
Thilo liebt es, am See hinter seinem Haus zu sitzen. Eines Morgens entdeckt er dort ein kleines Boot aus hellem Holz am Ufer. Auf seinen Segeln glitzern winzige gemalte Sterne. Es summt leise vor sich hin, als würde es ihn begrüßen.
Neugierig sieht Thilo sich das Boot genauer an und setzt einen Fuß darauf - zu seinem Erstaunen hebt es sofort ab! Ganz ruhig, wie von einem warmen Luftstoß getragen, schwebt es höher und höher. Bald sieht Thilo die Welt unter sich wie ein buntes Gemälde aus Feldern, Wiesen und Dörfern.
"Wow...", flüstert er leise und ehrfürchtig.
Da taucht plötzlich ein kleines, flauschiges Wesen neben ihm auf, rund wie eine Wolke, mit zwei fröhlichen Glitzeraugen.
"Hallo! Ich bin Puffel!", sagt es und schwebt einfach so in der Luft. "Du bist Thilo, oder? Das Boot hat dich ausgesucht, weil wir deine Hilfe brauchen!"
"Meine Hilfe?", staunt Thilo.
Puffel nickt energisch. "Der Wind ist verschwunden! Schmetterlinge können kaum noch flattern, und die schwebenden Inseln werden langsam ganz müde. Wir müssen den Windkönig wecken - er schläft und hat vergessen, aufzuwachen."
Thilo fühlt ein warmes Kribbeln im Bauch. "Das klingt spannend. Dann lass uns ihn wecken!"
Das Boot gleitet weiter über die Wolken, bis sie eine schimmernde Insel erreichen. In deren Mitte befindet sich ein großer Felsen mit einer Öffnung. Über dem Eingang stehen die leuchtenden Buchstaben: "Höhle der Tausend Winde".
Puffel stupst Thilo an. "Da drin ist der Windkönig! Aber keine Sorge: Er ist eigentlich ganz freundlich. Nur ein bisschen verschlafen."
Thilo steigt mit Puffel aus dem Boot und geht in die Höhle. Drinnen schweben kleine Lichtpunkte, die wie Glühwürmchen funkeln. In der Mitte liegt der große, freundliche Windkönig mit einem langen, bauschigen Bart, der aussieht wie ein zusammengerollter Regenbogen.
Er schnarcht. Und zwar laut. Es klingt wie: Whooosh... pffft... wuuush... pfooot! Thilo und Puffel müssen beide laut lachen, so witzig klingt das Schnarchen.
"Wie weckt man einen Windkönig?", flüstert Thilo.
"Mit etwas Schönem, am besten", sagt Puffel. "Er wacht nur auf, wenn er lacht oder sich freut, habe ich gehört. Hast du vielleicht eine passende Idee?"
Thilo denkt kurz nach und dann bekommt er eine Idee. Er stellt sich vor den Windkönig und beginnt, ihm von all den wunderbaren Dingen zu erzählen, die er liebt:
Vom Gefühl auf der Haut, wenn der Sommerwind durch die Haare fährt.
Vom Duft frisch gemähter Wiesen.
Von Papierdrachen, die wild in den Himmel steigen.
Und von Kindern, die lachen, wenn der Wind sie im Kreis dreht und Blätter aufwirbelt.
Während Thilo spricht, beginnt der Regenbogenbart des Windkönigs zu wackeln - dann zu beben - und schließlich lacht der Windkönig laut und fröhlich los!
"Hohoho! Das hat mich geweckt!", ruft er und setzt sich auf. Eine sanfte Windwelle wirbelt durch die Höhle und hebt Thilo ein Stück in die Luft.
"Danke, kleiner Freund. Ich hatte wohl verschlafen! Aber deine Geschichten... sie haben mich wieder erinnert, wofür ich da bin."
Der Windkönig pustet einmal kräftig und sofort fliegt ein frischer Windstoß durch die Höhle und aus ihr heraus. Draußen beginnen die Bäume wieder zu rascheln, Schmetterlinge flattern auf und ab, und die Insel hebt sich fröhlich ein Stückchen höher in die Luft.
"Der Wind ist zurück!", ruft Puffel begeistert.
Thilo strahlt. "Freut mich, danke, lieber Windkönig!"
Der Windkönig verbeugt sich dankbar. "Wenn du jemals wieder den Wind brauchst, dann erzähle ihm einfach eine schöne Geschichte."
Thilo steigt zurück ins Boot. Puffel winkt ihm heftig hinterher, während das Boot abhebt und wieder sanft zurück zum See gleitet.
Als Thilo schließlich aussteigt, weht ein leichter Wind durch sein Haar. Er lächelt, denn jetzt weiß er, dass dies ein kleiner Gruß vom Windkönig ist.