Der tanzende Besen
Wir sind auf einem staubigen Dachboden. Zwischen vergessenen Koffern und schiefen Kisten liegt etwas. Es zuckt plötzlich. Ein leises Knistern, dann ein Geräusch: 'Schwusch'.
Der alte Besen richtet sich auf, als hätte ihn jemand aus einem jahrzehntelangen Schlaf geweckt. Seine Borsten sträuben sich wie zerzauste Haare am Morgen.
Er wackelt, schwankt.
Er beginnt zu tanzen.
Erst vorsichtig.
Dann mutig.
Dann so wild und fröhlich, dass der ganze Dachboden vibriert.
Mit einem eleganten Schwung stakst er zur Dachluke, schiebt sie auf und hüpft hinaus in die klare Abendluft. Funken von Staub glitzern hinter ihm her wie kleine Sterne. Der Besen springt über die Dächer der Stadt, dreht Pirouetten, schlägt kleine Saltos und bewegt sich im Takt einer Musik, die nur er hören kann.
Lina sieht das alles. Aus ihrem Fenster im dritten Stock beobachtet sie mit offenem Mund das Spektakel.
"Ein tanzender Besen ... das gibt's doch nur in Märchen", flüstert sie.
Aber Lina liebt Märchen - also schlüpft sie ohne Zögern in ihre Turnschuhe und stürzt die Treppe hinunter, hinterher.
Draußen folgt sie dem Besen durch die Straßen. Er wirbelt um Laternenpfähle, als wären sie Tanzpartner, springt über den Brunnen am Marktplatz und taucht zwischen den Marktständen hindurch, ohne auch nur einen Apfel umzuwerfen. Die Leute bleiben stehen, staunen, lachen, reiben sich die Augen.
Lina rennt hinterher, das Herz klopfend vor Aufregung.
Der Besen beschleunigt plötzlich, schwingt um eine Ecke und verschwindet in einer Gasse. Am Ende der Gasse öffnet sich eine Tür in eine andere Welt.
Hinter einem verwitterten Torbogen liegt ein Garten, der aussieht, als hätte ein Regenbogen beschlossen, hier Urlaub zu machen. Blumen leuchten in Türkis, Violett, Gold; einige schweben sogar leicht über dem Boden. Die Luft duftet nach Honig und Abendwind.
In der Mitte des Gartens steht ein verrosteter, aber hübscher Metallbogen, um den sich Pflanzen ranken. Aus ihm dringt zarte Musik - aber eine Musik, die beinahe lebt. Sie schmiegt sich wie warme Seide um Linas Ohren.
Der Besen geht hinein. Also folgt Lina ihm.
Und dann bleibt sie staunend stehen.
Im Pavillon sitzen Tiere, die gerade ein Konzert geben:
- Ein Fuchs mit einem zerzausten, aber stilvollen Frack spielt Geige.
- Ein Hase trommelt mit seinen langen Ohren auf eine kleine Trommel.
- Ein Igel zupft so zart an einer Harfe, dass sich seine Stacheln im Rhythmus wiegen.
- Ein Eichhörnchen steht auf einem Stein und dirigiert mit einem winzigen Zweig, als wäre es der berühmteste Dirigent des Waldes.
Der Besen reiht sich ein - elegant, anmutig, fast königlich.
Und als die Musik lauter wird, nimmt Lina ihre Scheu und wirft sie über Bord. Sie tanzt.
Sie dreht sich im Kreis, lacht, klatscht, stolpert manchmal. Die Tiere nicken ihr zu, als wäre sie seit Jahren Teil ihrer magischen Truppe.
Die Musik hebt sie förmlich an. Alles wird leicht. Der Alltag verschwindet.
Nur der Tanz zählt, der Garten, die Musik, die Magie.
Dann wird die Melodie langsam.
Ein letzter Ton schwebt wie eine Seifenblase durch den Pavillon und platzt sanft.
Die Tiere legen ihre Instrumente ab. Der Besen verbeugt sich tief - galanter, als es ein Besen je tat.
Lina verneigt sich ebenfalls.
Ihr Herz klopft wie ein kleiner Trommelwirbel.
Der Fuchs tritt vor. Er trägt eine winzige leuchtende Blume zwischen den Pfoten, deren Blätter glimmen wie Mondlicht.
Er reicht sie ihr - oder vielmehr: Er hält sie ihr mit einem eleganten Nicken entgegen.
Lina nimmt sie vorsichtig. Warm. Sanft. Magisch.
Es ist Zeit.
Der Besen tapst zur Pavillontür, dreht sich ein letztes Mal zu ihr um. Lina folgt ihm zurück durch den Garten. Am Tor wirbelt er noch einmal in die Luft, dann schwebt er höher und höher - zurück in Richtung Dachboden, zurück in die Ecke, aus der er erwacht war.
Lina schaut ihm nach, bis er nur noch ein winziger Punkt ist.
Dann macht sie sich auf den Heimweg.
In ihrer Tasche leuchtet die magische Blume.
Und Lina weiß:
Sie hat ein Geheimnis entdeckt, das man nicht auf Karten findet.
Ein Ort, an den sie zurückkehren kann - immer dann, wenn sie mutig genug ist, der Musik in ihrem Herzen zu folgen.