Ein Riese in der Spieluhr
"Ich kann es nicht glauben! Da ist ein Riese in meiner Spieluhr!", rief Lunis, während er die kleine, hölzerne Schachtel in seinen Händen drehte. Die Spieluhr hatte er am Morgen auf dem Flohmarkt entdeckt, zwischen alten Büchern und verstaubten Vasen.
Sie war wunderschön bemalt, mit winzigen, goldenen Sternen auf einem tiefblauen Hintergrund. Doch wirklich erstaunlich war, dass drinnen ein kleiner Riese stand und mit den Schultern zuckte.
"Lunis, hast du wieder eine deiner Geschichten erfunden?", fragte seine Schwester Linda, die gerade mit einem Buch auf dem Sofa saß.
"Nein, wirklich! Schau doch selbst!" Lunis hielt die Spieluhr hoch, damit Linda einen Blick hineinwerfen konnte. Skeptisch beugte sie sich vor, und ihre Augen weiteten sich, als sie den kleinen Riesen sah.
"Hallo!", sagte der Riese mit einer Stimme, die so tief war, dass sie die Luft in der Spieluhr erzittern ließ. "Ich bin Rupert, der Riese. Ich habe mich verlaufen und bin hier gelandet."
Linda und Lunis sahen sich ungläubig an, unsicher, was sie sagen sollten. Schließlich ergriff Linda das Wort: "Wie bist du denn in diese kleine Spieluhr gekommen?"
Rupert zuckte erneut mit den Schultern, was in der kleinen Spieluhr wie ein Erdbeben wirkte. "Nun, ich war auf dem Weg zum Wochenmarkt und habe den falschen Weg eingeschlagen. Bevor ich mich versah, war ich hier drin gefangen."
"Wir müssen dir helfen, da herauszukommen!", rief Lunis entschlossen. "Aber wie?"
"Vielleicht müssen wir ein Lied abspielen", schlug Linda vor. "Spieluhren haben doch immer eine Melodie."
Lunis drehte den kleinen Schlüssel an der Seite der Spieluhr und eine sanfte Melodie begann zu spielen. Rupert schloss die Augen und schien zu lauschen. Doch nichts geschah.
"Das war es nicht", sagte Rupert enttäuscht. "Vielleicht braucht es etwas anderes."
Lunis überlegte. "Vielleicht eine Geschichte? Spieluhren erzählen Geschichten mit Musik."
Linda nickte. "Lass uns eine Geschichte erfinden, die dich nach Hause bringt."
Gemeinsam begannen Lunis und Linda zu erzählen. Sie erzählten von einem mutigen Riesen namens Rupert, der aus Versehen in eine viel zu kleine Welt geraten war. In ihrer Geschichte stapfte er durch dichte Wälder, überquerte reißende Flüsse und kletterte über hohe Berge. Er hörte den Wind, der ihm den Weg nach Hause zeigte, und folgte den Sternen am Himmel. Mit jedem Schritt wurde er stärker und sicherer, bis er schließlich sein Zuhause erreichte, wo seine Freunde ihn freudig empfingen und ihm zuwinkten.
Während sie erzählten, schien Rupert größer zu werden. Die Spieluhr begann zu leuchten, und plötzlich ... war Rupert verschwunden.
"Wo ist er hin?", fragte Linda, während sie die Spieluhr untersuchte.
"Ich glaube, er ist nach Hause zurückgekehrt", sagte Lunis mit einem Lächeln. "Unsere Geschichte hat ihn befreit."
Die Geschwister blickten aus dem Fenster, in den Abendhimmel, der mit Sternen übersät war. Vielleicht war Rupert jetzt da draußen, auf einem neuen Abenteuer in seiner Welt.
"Wir sollten öfter Geschichten erfinden", meinte Linda.
"Ja", stimmte Lunis zu. "Wer weiß, wen wir das nächste Mal treffen werden."