Feuer und Farn
Flax platzt aus seinem Aschenest wie ein Korken aus einer Limonadenflasche. Funken fliegen hinter ihm hoch und sein Bauch knurrt so laut, dass selbst die Kieselsteine erschrocken zur Seite rollen. Steine essen ist für Feuervögel normal: knusprig, zuverlässig lecker und immer verfügbar. Flax kann Granit an der Farbe erkennen und Basalt am Geruch. Trotzdem möchte er sich heute nicht am Steinhaufen den Bauch voll schlagen, er hat Lust auf etwas Grünes.
Farn. Nicht irgendein Farn, sondern der Spiral-Farn von Klyndor, der sich aufrollt wie Schnecken. Und zwischen den Wedeln hängen winzige Blütenknollen. Flax liebt diese Knollen. Er weiß nur nicht, wie er an sie herankommt, ohne sie in Rauchzeichen zu verwandeln. Denn er ist ein Feuervogel und Feuervögel verbrennen Farn, der ja nun mal bekanntermaßen eine Pflanze ist und schnell Feuer fängt, wenn man ihm zu nahe kommt.
Flax versucht es wie immer: mal mit Schwung. Er schlägt mit den Flügeln, taucht plötzlich auf, schnapp - und pfff, die Blüte macht "Plopp" und ist weg, einfach verdampft, weil er selbst so heiß ist. Übrig bleibt ein Duft wie ein angekokelter Apfel.
Flax probiert Plan Nummer Zwei: Er hält die Luft an. Feuervögel atmen nämlich manchmal Feuer aus, aus Versehen und besonders wenn sie sich freuen. Also kneift er den Schnabel zu, schleicht sich heran an den leckeren Farn - und bemerkt, dass er ohne Atmen bald bewusstlos umfallen wird. Kaum gedacht, schon geht ihm die Luft aus, er kippt um und kullert den Hang hinunter.
Plan Nummer Drei wird technisch. Flax baut eine Zange aus zwei langen Steinen, fragt nicht, wie er das geschafft hat, er weiß es selbst nicht. Er kneift damit nach der Blüte. Die Zange rutscht ab, schnellt zurück und katapultiert einen Kiesel direkt zwischen seine Augen. Der Kiesel bleibt zwischen den Augen kurz kleben, weil Flax vor Überraschung ganz heiß wird. Dann fällt er ab und rollt davon, als wäre nichts gewesen.
Mist, nichts klappt und Flax wird immer hungriger. Dieser Farn und die Knolle, sie sehen so lecker aus. Jorla, eine alte Schnecke mit Krückstock malt durch ihre Bewegungen Muster in den Sand und schaut Flax bei seinen Versuchen den Farn zu vernaschen zu. Einmal hebt sie die Augenbraue. Mehr sagt sie nicht. Das reicht, um Flax noch ehrgeiziger zu machen.
Er setzt sich hin. Das passiert selten bei Feuervögeln; Sitzen fühlt sich irgendwie zu langweilig an. Flax beobachtet die Farnwedel. Wenn der Wind kommt, neigen sie sich. Wenn der Wind geht, richten sie sich wieder auf. Die Blütenknollen wippen dabei auf und ab. Sie mögen Bewegung - nur keine Hitze. Und Wind kühlt ja auch ein bisschen, denkt er.
Flax gräbt mit seiner Kralle eine Mulde, legt kalte Steine hinein und drückt seinen Schnabel dagegen. Das zischelt, aber es kühlt den Schnabel ab. Als der nächste Windstoß kommt, bewegt sich der Farn wie eine grüne Welle. Flax hebt den Kopf, so schnell er kann. Er öffnet den Schnabel, jetzt bloß nicht atmen, kein Pusten, kein Prusten. Die Blüte löst sich, ganz von allein und landet auf seiner Zunge.
Er hat es geschafft. Sie schmeckt nach Pfeffer und Honig. Flax blinzelt. Nichts brennt. Nichts verkohlt. Er schluckt und schaut zu Jorla, die ehrfürchtig nickt. Jorla klopft mit ihrem Stock dreimal auf den Boden. Flax versteht das als Applaus. Er sammelt noch zwei Blüten auf dieselbe Weise. Beim dritten Mal kitzelt ihn das Lachen und ein winziger Funke hüpft aus seinem Schnabel und der Farn verwandelt sich wieder in Rauch. Man kann nicht alles haben.
Flax rollt sich noch eine Handvoll Lieblingskiesel in den Schnabel, zur Sicherheit. Dann nimmt er eine Blüte dazu. Steine und Farn - knusprig und duftend - passen plötzlich zusammen, als hätten sie sich lange gesucht.
Der Spiral-Farn beginnt neue Wedel zu entrollen und Flax merkt: Morgen kann er es wieder versuchen, aber heute ist er zu erschöpft von der ganzen Arbeit. Aber es hat sich gelohnt - und genau das zeigt, dass Dranbleiben sich auszahlt und man sich von Misserfolgen nicht unterkriegen lassen sollte.