Otto, der Teekessel
In der Küche von Frau Quendel steht ein alter Teekessel namens Otto, der mehr erlebt hat, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Otto ist ein wahres Unikat: Er pfeift nicht nur, wenn das Wasser kocht, sondern plaudert auch gern mal über die Geschichten, die er miterlebt. Eines Tages fängt Otto wieder an zu pfeifen. "Ah, die Schwestern Dalia und Fritzi kommen wieder zum Tee, wie aufregend!", ruft er. Dalia und Fritzi lieben es, bei Frau Quendel ihren Nachmittagstee zu genießen. Sie plaudern dann meistens über die neuesten Abenteuer in der Stadt.
Otto erinnerte sich an die Zeit, als die Schwestern noch kleine Mädchen waren, an die Geschichte mit dem verlorenen Kätzchen. Damals hatten sie die ganze Nachbarschaft auf den Kopf gestellt, um das Kätzchen wiederzufinden. Otto hatte es durch das Fenster gesehen, wie es sich im Schuppen versteckte. Als er den Schwestern damals zugeraunt hatte, dass es dort war, machten sie sich sofort auf die Suche. Als Dank für seinen Hinweis bekam er einen Extra-Schuss Zimtsirup in seinen Tee.
Während das Wasser in ihm zu blubbern beginnt, kommen Dalia und Fritzi herein und setzen sich an den Tisch. Frau Quendel gießt den Tee ein und Otto lässt ein besonders lautes Pfeifen hören. "Oh, Otto! Du bist heute aber besonders fröhlich!", lacht Fritzi. Otto kann es kaum erwarten, die neueste Geschichte zu hören. Otto zischt vergnügt, als der heiße Dampf durch seinen Ausguss strömt. "Fröhlich? Aber natürlich bin ich das!", ruft er. "Ich ahne nämlich schon, dass ihr heute wieder etwas Spannendes zu erzählen habt. Und ich liebe spannende Geschichten!"
Dalia stellt ihre Tasse ab und grinst. "Na gut, Otto, dann bekommst du deine Geschichte. Aber zuerst wollen wir hören, was du uns heute zu berichten hast. Du siehst nämlich aus, als würdest du gleich platzen, wenn du es nicht sofort herauslässt." Otto zappelt ein wenig auf seiner Herdplatte, fast so, als würde er sich räuspern. "Tatsächlich... ist heute etwas passiert, bevor ihr kamt." Sein Pfeifen wird leiser, geheimnisvoller. "Ich habe Besuch bekommen." "Besuch?", fragt Fritzi skeptisch. "Von wem denn?" Otto lässt einen langen, dramatischen Piiiiep-Ton hören, der so geheimnisvoll klingt, dass sogar Frau Quendel neugierig den Kopf dreht.
"Von... einer Gurke", verkündet Otto mit feierlicher Stimme.
"Was?!" Dalia verschluckt sich fast an ihrem Tee. "Einer Gurke?" "Ganz recht!" Otto klappert vor Aufregung mit seinem Deckel. "Sie rollte einfach so durch die Küche! Und ich schwöre bei meinem letzten Tropfen Teewasser, sie starrte mich an." Fritzi prustet los. "Eine starrende Gurke? Otto, jetzt wird's aber komisch!" Doch Otto fährt ungerührt fort: "Sie stellte sich direkt vor mich, so nah, dass ich ihren Gurkenduft in meinem Ausguss riechen konnte. Und dann... überbrachte sie mir eine Botschaft." Dalia hält sich den Bauch vor Lachen. "Eine Gurkenbotschaft! Na das ist ja neu! Und was hat sie gesagt?" Otto senkt seine Stimme, als sei das alles sehr wichtig. "Sie sagte: Knack!" ... Stille erfüllt den Raum. Dann lachen alle drei Frauen so laut, dass Frau Quendel sich am Küchentisch festhalten muss, um nicht umzufallen. "Knack? Das ist alles?", japst Fritzi mit tränenden Augen. "Na...", verteidigt sich Otto beleidigt, "für eine Gurke ist das eine sehr tiefgründige Aussage! Und gleich danach rollte sie davon. Einfach so. Ohne sich zu verabschieden."
Frau Quendel wischt sich über die Augen. "Ach Otto, vielleicht war sie einfach aus meinem Einkaufskorb gefallen." "Oder", sagt Fritzi kichernd, "es war die Anführerin der geheimen Gurkenbrigade! Die suchen in Küchen nach Gemüse, das gefangen gehalten wird. Im Obstkorb..." "Ha!", ruft Otto triumphierend. "Lacht ihr mich nur aus, aber ihr habt sie nicht gesehen. Sie sah sehr entschlossen aus, diese Gurke." "Eine entschlossene Gurke", wiederholt Dalia und fängt erneut an zu lachen. "Otto, du wirst immer besser." Der Teekessel pufft beleidigt ein kleines Dampfwölkchen aus. "Ihr werdet schon sehen! Beim nächsten Mal bringt sie vielleicht ihre Zucchini-Freunde mit." Bei diesem Satz kann sich selbst Otto ein fröhliches Pfeifen nicht verkneifen.
Doch plötzlich wird er ganz ernst. "Was, wenn das 'Knack' eine Lebensweisheit war?", sagt er mit bedeutungsschwerer Stimme. Fritzi hebt eine Augenbraue. "Eine Gurke hat dir eine Lebensweisheit vermittelt?" "Ja!", ruft Otto empört. "Es ist ein Zeichen! Ein Aufruf! Eine Erleuchtung! Ich... ich muss aus meiner Schale brechen!" "Aus welcher Schale denn?", fragt Dalia lachend. "Du bist ein Teekessel." Doch Otto lässt sich nicht beirren. "Genau! Ein Teekessel, der bislang sein wahres Potenzial nicht nutzt. Das 'Knack' zeigt mir, dass ich... ganz neu anfangen muss!" Er wackelt dramatisch auf der Herdplatte, klappert mit seinem Deckel und fährt fort: "Ich brauche eine Politur. Einen neuen Untersetzer und einen besseren Platz im Regal. Einen höher gelegenen Platz, für bessere Aussicht! Einen... einen Ehrenplatz! Einen Ort, der meiner Persönlichkeit gerecht wird!"
Frau Quendel legt den Kopf schief. "Welchen Platz genau meinst du denn?" "Nun...", sagt Otto und räuspert sich dampfend, "ich denke da an das Regal hinter dir. Ganz oben. Wo jeder, der die Küche betritt, mich als Erstes sieht. Dort kann ich inspiriert über die Welt philosophieren!" Fritzi und Dalia tauschen einen wissenden Blick aus - und müssen sich das Lachen verkneifen. "Also gut", sagt Frau Quendel schließlich, "wenn du glaubst, das wäre dein Erleuchtungsplatz, dann stelle ich dich ab sofort dorthin." Otto gibt ein triumphierendes, wohliges Pfffff von sich, das nach Erfolg klingt. Den restlichen Nachmittag tut er so, als würde er tief über das Leben nachdenken, bedeutungsvoll seufzen und dem Dampf einen philosophischen Schwung geben. Er ist so stolz, dass er fast überkocht.
Als alle Geschichten ausgetauscht sind und aller Tee getrunken ist, ziehen sich die Schwestern ihre Jacken an. Fritzi sagt schmunzelnd: "Otto, dieser Platz da oben... ist das wirklich nur wegen der Lebensweisheit dieser Gurke?" Otto zögert. Er zischt leise. Dann gibt er sich geschlagen. "Na gut, du hast gewonnen...", sagt er kleinlaut. "Ich wollte einfach nur befördert werden. Ein höherer Platz in der Küche! Ein bisschen... Anerkennung! Ein Platz, der mir gerecht wird! Dieses Gurken-'Knack' war die perfekte Ausrede." Dalia prustet los. "Ein Karriere-Kessel! Das hat uns gerade noch gefehlt!" Doch Otto hebt seinen Deckel stolz. "Und morgen", sagt er feierlich, "beginne ich meine Amtszeit als Otto, der Erleuchtete. Mit oder ohne Gurkenweisheiten." Und Frau Quendel stellt ihn - sehr feierlich - oben auf das Regal.