Der kleine Koffer am Bahnhof
In einem Bahnhof, an einem langen Gleis, stand ein kleiner Koffer. Er sah ganz normal aus, doch wer genau hinsah, merkte, dass er schon viele Abenteuer erlebt hatte. Er gehörte einem Jungen namens Leo, der mit ihm die Welt erkundete.
Um den kleinen Koffer herum herrschte ein ständiges Summen und Brummen. Züge ratterten, Menschen redeten und rollende Koffer klapperten über die Bodenfliesen. Ein starker Windstoß fegte durch die Halle und der kleine Koffer rollte ein Stück über den Boden. Fast in die Beine eines Reisenden. "Hoppla!", dachte er. "Vielleicht ist ja das mein neues Abenteuer - ein kleiner Ausflug auf eigene Faust!"
Er schloss die Augen und erinnerte sich zurück. "Oh, wie schön war es in den Bergen", dachte der Koffer. Er roch die kühle Luft und sah die bunten Blumenwiesen vor sich. Leo und er fuhren mit der Seilbahn hoch hinauf und bestaunten von oben die winzigen Häuser im Tal. In seinem Inneren trug der Koffer eine warme Jacke und Wanderschuhe, die Leo auf den Ausflügen über steinerne Wege trug.
Ein anderes Mal reisten sie ans Meer. Der Koffer erinnerte sich an den salzigen Duft und das Rauschen der Wellen. Leo packte Sandspielzeug und einen großen, bunten Ball ein. Am Strand bauten sie Sandburgen und der Koffer freute sich, als Leo einen großen Seestern fand und vorsichtig in seinen Bauch legte.
Jetzt saß der Koffer alleine auf dem Bahnsteig und wartete. Er war ein bisschen traurig, denn Leo hatte ihn vergessen. Der Zug war längst abgefahren und der Koffer fragte sich, wann Leo wohl zurückkommen würde. Doch er blieb geduldig, denn er wusste, dass Leo ihn nicht absichtlich zurückgelassen hatte.
"Vielleicht ist er einfach in Eile gewesen", überlegte der Koffer. "Aber bestimmt kommt er bald zurück." Während er wartete, beobachtete er die Menschen um sich herum. Da waren viele Reisende, die eilig an ihm vorbeigingen. Manche trugen große Rucksäcke, andere zogen ihre Koffer hinter sich her. Er sah eine Familie, die fröhlich lachte, und ein älteres Paar, das Hand in Hand ging. Aber Leo war nicht zu sehen.
"Vielleicht denkt Leo ja auch gerade an mich", flüsterte der Koffer zu sich selbst. "Oder er malt ein Bild von unserem letzten Abenteuer in den Bergen." Er schloss seine kleinen Augen und stellte sich vor, wie Leo lachend über die Blumenwiesen sprang.
Plötzlich kam ein kleines Mädchen auf ihn zu. Es hatte lange Zöpfe und trug einen roten Mantel. "Mama, schau mal! Der Koffer ist ganz allein!", rief sie und zeigte auf ihn. Die Mutter lächelte. "Vielleicht hat ihn jemand vergessen. Wir sollten den Mitarbeitern hier Bescheid sagen." Sie ging zu einem Bahnmitarbeiter und erklärte die Situation.
Der Koffer hörte zu und freute sich, dass sich jemand um ihn kümmerte. Der Bahnmitarbeiter hob ihn vorsichtig hoch. "Keine Sorge, kleiner Koffer. Wir werden deinen Besitzer finden", sagte er freundlich. Der Koffer fühlte sich ein wenig erleichtert, denn er wusste, dass er bald wieder bei Leo sein würde.
Der Koffer wurde in ein kleines Büro gebracht, wo er sicher aufbewahrt wurde. Dort traf er auch auf andere Koffer, die ebenfalls auf ihre Besitzer warteten.
Ein paar Stunden später schon hörte er endlich eine vertraute Stimme. "Da ist er ja! Mein Koffer!", rief Leo aufgeregt und rannte auf ihn zu. Der Bahnmitarbeiter lächelte und übergab den Koffer an Leo. "Pass gut auf ihn auf, dein Koffer ist was ganz besonderes", sagte er, und Leo nickte eifrig.
"Das werde ich", versprach Leo und umarmte den Koffer. Der war auch überglücklich, wieder bei seinem Freund zu sein. Gemeinsam verließen sie das Büro und machten sich auf den Weg zu neuen Abenteuern. Während sie den Bahnhof verließen, spürte der Koffer die Aufregung in der Luft. Wer wusste, wohin die nächste Reise sie führen würde? Aber eines war sicher: Mit Leo an seiner Seite würde es ein unvergessliches Erlebnis werden.